DESIGN REPORT 10 / 2003
Verfremdung durch Design
von Juliane Grützner
Jedermann weiß, dass ein entzündetes Streichholz nicht ewig brennt. Und es erwartet auch
niemand. Sieht man es dann als Leuchte vor sich, will man es nicht so recht glauben, und die bewusst inszenierte Sinnestäuschung des Hamburger Designbüros Roomservice ist gelungen.
Für Kommunikationsdesignerin Julia Thesenfitz und Architekt Christian Wedekind ist ein Streichholz nicht nur ein Hilfsmittel zum Anzünden von Zigaretten, Kerzen und Ähnlichem. Es hat seine eigene Ästhetik – besonders im halb heruntergebrannten Zustand. Und diesen gilt es festzuhalten: Ein patiniertes Exemplar aus Messing, in dessen Mitte ein mit Öl getränkter Baumwolldocht steckt, kommt auf einem weißen Porzellankubus besonders zur Geltung. Es entsteht ein Leuchtobjekt, das überall einsetzbar ist. “Leave the light on” ist das bisher erfolgreichste Produkt von Roomservice und wird bei Anthologie Quartett produziert. An verschiedenen Ausstellungsorten in Frankfurt, Berlin, Hamburg und Zürich war die Leuchte bereits zusammen mit anderen Entwürfen des Gestalterduos zu sehen.
Für Thesenfitz und Wedekind kommt es nicht immer darauf an, neue Produkte zu entwerfen, wenn altbekannte in ihren Funktionsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind. Sie verfremden sie und ringen ihnen ungewöhnliche Funktionen ab. Dabei brechen sie mit den Sehgewohnheiten und dem Erfahrungsschatz des Betrachters. Und das mit großem Erfolg. So zum Beispiel beim Regal “Take-away-board”, das einem Wegwerfbehälter für Mittagsmenüs nachempfunden ist. Es besteht aus einer mit Aluminiumblech bezogenen Holzform. Was bisher im Müll landete, bekommt jetzt einen Ehrenplatz an der Wohnzimmerwand.
Im November 2001 gründeten die beiden Hamburger die Designgalerie “Roomservice” im Stadtteil Eppendorf, die nicht nur Ausstellungsraum für die eigenen Entwürfe und die anderer Designer ist, sondern auch Büro und Werkstatt. Hier entstand zum Beispiel der “Feudel-Teppich”, ein gewöhnlicher Wischfeudel, der durch das Konzept von Roomservice umfunktioniert wurde: Handgewebt aus gebleichter Rohseide und vergrößert auf 240 × 240 Zentimeter zieht er in den Wohnraum ein oder wird auf dem Treppenabsatz ausgebreitet. Die Überlegungen der beiden Designer zu diesem Projekt zeigen einmal mehr ihre Herangehensweise: “Wenn ein Feudel groß wäre, müsste er nicht mehr arbeiten, könnte fortan gemütlich rumliegen als ein Teppich (…) aus Rohseide.”
In ihrem jüngsten Projekt “Kalligravieh”, das im Rahmen eines Wettbewerbs entstanden ist, haben sich die Hamburger Gestalter mit der Marktverdrängung kleiner Fleischerei-Fachgeschäfte durch große Supermarktketten auseinander gesetzt. Wer erinnert sich nicht an das mit Fettflecken verschmutzte rosa Cord-Papier, auf dem die Metzger einst ihre Preise zusammenrechneten, bevor sie die Ware darin einwickelten ? Diese rasch hingekritzelte Rechnungsnotiz haben Thesenfitz und Wedekind zu einem Tischset ausgebaut, bei dem die einzelnen Rechenpositionen von der Unterlage über das Besteck hinwegreichen und auf Messer und Gabel eingraviert sind. Mit Diesem Entwurf möchten sie die mittlerweile zur Seltenheit gewordenen handschriftlichen Notizen festhalten, die heutzutage von digitalen Kassen übernommen werden. Der meist ungezwungenen, fast künstlerischen Herangehensweise von Roomservice während des Gestaltungsprozesses folgt eine spannende Entwicklungsphase, in der sich dann herausstellt, ob die Idee für ein Produkt taugt. Eine Methode, die sich offenbar lohnt.